Es ist Zeit, dass sich was tut – aber wer tut es ?
Wir stehen an der jahreszeitlichen Schwelle vom Sommer zum Herbst und sind – ein wenig ratlos. Was waren das in diesem Sommer für Temperaturen? Sind 40 Grad Hitze im Hochsommer die neue Normalität? Und in vielen Ländern Europas war es streckenweise noch viel heißer. Allein in Deutschland soll es 12.000 Hitzetote gegeben haben. Im südlichen Europa verbrannten riesige Waldflächen, selbst in Frankreich, Belgien und Deutschland flackerte die Lohe. Die Rheinschifffahrt wurde wegen katastrophal niedriger Pegelstände eingestellt. Der Klimawandel ist unleugbar, gestritten wird unverständlicherweise immer noch über die Frage nach den Ursachen. Ein Blick in die „Temperatur-Geschichte“ unserer Erde liefert da Eindeutiges. Temperaturschwanken sind erdgeschichtlich normal, aber die Zeiträume, in denen sich eine Veränderung vollzieht, lässt keinen Zweifel zu: für 5 Grad Temperaturschwankung braucht das natürliche Klima 100.000 Jahre, wir haben das seit Beginn des CO2-Zeitalters in knapp 100 Jahren geschafft. Zeit, dass sich was ändert, oder ist das alles schon zu spät?

Klimaschutz und Klimafolgen-Anpassung
Zunächst einmal ist es wichtig, zwischen Maßnahmen, die dem Klimawandel entgegenwirken und Maßnahmen, die die Folgen des Klimawandels bekämpfen, unterscheiden. Es trifft zu, dass mit der Reduzierung des CO2 Ausstoßes, den Deutschland sich bis zum Jahr 2045 vorgenommen hat, der globale Klimawandel kaum beeinflusst werden kann. Das könnten nur Staaten wie China, USA, Indien und Russland. Aber ist damit zu rechnen? Wohl kaum. Aber macht uns das frei vom vernünftigen handeln? Eher nicht. Immerhin geht es um Glaubwürdigkeit und damit auch um den moralischen Druck, der ohne unseren Beitrag zur CO2 Reduzierung nicht ausgeübt werden könnte. Denn am Ende geht es um global koordiniertes Handeln, um nicht heute schon jede Hoffnung auf Besserung aufzugeben. Verstörend ist dabei, dass eine Partei wie die AfD zunächst den Klimawandel überhaupt geleugnet hat, durch dubiose wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt. Das widerspricht aber eindeutig der tatsächlichen Entwicklung. Man leugnet den Klimawandel also nicht mehr, erklärt ihn aber zu einem völlig normalen, natürlichen Phänomen. Fatal ist dabei, dass die AfD grundsätzlich alle mit dem Klimawandel in Verbindung stehenden Maßnahmen grundsätzlich ablehnt. Grotesk und irrational. Und dennoch steht dahinter eine politische Strategie. Doch dazu später.
Der Irrgarten politischer Kompetenzen
Die Bundesrepublik ist föderal verfasst. Die Bundesebene definiert die grundsätzliche Ausrichtung der Politik und stellt für Maßnahmen Gelder bereit, ohne die Investitionen in Infrastruktur vorzugeben. Die Entscheidung über die konkrete Verwendung liegt abgestuft bei den Bundesländern und den Kommunen. Und da beginnen die Probleme. Die Bekämpfung von Klimafolgen bietet umfangreiche Möglichkeiten: Aufforstung, Stop der Bodenversiegelung mit Asphalt und Beton, Umwandlung von Straßenbelägen in Wasser-speichernden Untergrund, Bau von Regen-Rückhaltebecken. Umwandlung von begradigten Flussverläufen in ihre ursprüngliche Form, Hausbegrünung, temperaturorientierter Städtebau, Küstenschutz und Klimaanlagen für Krankenhäuser, Altenheime und Schulen. Aber der Durchgriff des Bundes auf Länder und Kommunen gelingt nicht. Warum?
Mit langfristig wirkenden Maßnahmen zur Minderung der Klimafolgen kann man politisch nicht punkten. Investition und Effekt entziehen sich teilweise der Messung von Ursache und Wirkung. Bürger empfinden sinnvolle Politik als die, die direkt auf ihre Lebenswirklichkeit wirkt. Da neigen Politiker auf unterer Ebene eher zur Sanierung von Schwimmbädern, dem Erhalt von Büchereien und dem Bau von Umgehungsstraßen. Auch das ist ohne Zweifel wichtig, aber leider zu kurz gedacht.
Da kommt die politische Argumentation der AfD wieder ins Spiel. Klimawandel, alles Hysterie. Hohe Kosten für CO2-freie Energie, völlig unnötig! Russisches Öl wäre doch so billig! Zurück zum Atomstrom! Das würde ungeheure Kosten mit sich bringen. Atomstrom ist eben nicht billig. Ganz im Gegenteil. Das klingt nur günstig, wenn man die Investitionskosten aus den Produktionskosten herausrechnet. Übrigens wäre dieser Schritt zurück zur Kernenergie keine Lösung für die nächsten zehn Jahre. Und all das Geld, was Klimafolgen-Prävention kostet, soll dem Bürger direkt zu Gute kommen, Das spürt man dann sofort und hilft politisch-populistisch der eigenen Argumentation. Verantwortungsvolle Politik muss aber langfristig denken. Das sollte auch den Bürger überzeugen. Und was das viele „gesparte“ und anderweitig investierte Geld betrifft, handelt es sich bei dieser Überlegung um die klassische „Milchmädchen-Rechnung“. Die finanziellen Folgen des Klimawandels, die allein durch diesen Sommer entstanden sind, belaufen sich nach Berechnungen der führenden deutschen Wirtschaftsinstitute auf 36 Milliarden €.
Vision
Es wird den Tag geben, leider viel zu spät, da werden die großen globalen Player begreifen, dass der „Markt“ nicht ausschließlich durch ihrer Bevölkerung definiert wird. Der größte Teil aller Nationen wird sich zusammenfinden, um sich der unhaltbaren Logik des ewigen Wachstums zu verschließen. Sie sind es nämlich, die sich die hohen Kosten des Klimawandels gar nicht leisten können. Und entscheidend ist, dass sie den größten Teil der Menschheit darstellen. Es ist zu befürchten, dass dann der Zeitpunkt für eine globale Kurskorrektur verpasst wurde. Das bequeme Denken in Konsumgesellschaften reicht nicht weit über den folgenden Tag hinaus. Aber die Hoffnung auf Vernunft sollten wir nicht aufgeben. Halten wir es mit Martin Luther. Ginge morgen die Welt unter, wäre heute ein guter Zeitpunkt, ein Bäumchen zu pflanzen. Man weiß ja nie…..
