Amerikanische Außenpolitik verunsichert

Amerikanische Außenpolitik verunsichert. In einem Beitrag für das Finanzportal Cash hat der Vorstand der Versicherungsgruppe Die Bayerische , Martin Gräfer, auf die verunsichernde Wirkung der amerikanischen Außenpolitik für die Weltwirtschaft hingewiesen. Eine instabile geopolitische Grundordnung belastet ökonomische Entscheidungen und hemmt wirtschaftliche Zusammenarbeit und den Aufbau von Lieferketten und Investitionen in einer arbeitsteiligen Weltwirtschaft.

Wer liefert sicher und zuverlässig?

Investition braucht Sicherheit

Wer investiert, der erwartet ein sicheres politisches Umfeld. Amerika ist mittlerweile eine Nation, die das in doppelter Hinsicht nicht mehr bietet. Vordergründig liegt das im Augenblick vor allen an der amerikanischen Außenpolitik. Aber auch die innenpolitische Sprunghaftigkeit der Regierung und Administration der USA belastet die wirtschaftliche Verlässlichkeit.

Europa steht kurz vor dem Abschluss des seit so vielen Jahren verhandelten Mercosur-Abkommens, der Bildung einer Freihandelszone zwischen der Europäischen Union und den größten Ländern Südamerikas. Doch plötzlich erklärt die US-Regierung mit Hinweis auf die Monroe-Doktrin den südamerikanischen Kontinent als amerikanischen Einfluss-Bereich außerhalb jeder völkerrechtlichen Anerkennung. Zwar ist das schon an sich fragwürdig genug, wird aber noch getoppt von einem internationalen Eingreifen ohne klare Kontur und ohne erkennbare Absicht. Um den Senat und den Kongress in die Entscheidung nicht einzubeziehen, erklärt die US-Administration das Eingreifen in Venezuela als polizeiliches Handeln zur Ergreifung des Staatspräsidenten als „Kriminellen“. Doch dann wird die Lage unübersichtlich. Das alte Regime bleibt an der Macht, die Bevölkerung ist verängstigt und verunsichert, die US-Regierung erklärt die „Übernahme“ des Landes bis zu einer nicht näher erklärten „Übergabe“. De facto passiert jedoch nichts! Ein solcher Schwebezustand kann sich leicht zu einem Bürgerkrieg entwickeln.

Folgerichtig haben bis jetzt alle amerikanischen Ölkonzerne keinerlei Interesse an einer Investition in Venezuela. Zukunft ungewiss. Was hier am Beispiel der Ölkonzerne verdeutlicht wird, ist die Reaktion von Investoren bei ungeklärter Rechtslage. Auch wenn Europa vom genannten Beispiel nur am Rande betroffen ist, beschreibt es die Problematik doch recht gut, denn der amerikanische Präsident hat bereits weitere staatliche Eingriffe in andere Länder Südamerikas angekündigt. Und was bedeutet das? Niemand weiß das so genau. Somit tritt die Zusammenarbeit zwischen der EU und den Ländern Südamerikas auf der Stelle. Und diese Stagnation umfasst mehr als nur den Fluss von Kapital. Es entstehen keine Lieferketten zur Produktion von Waren für den Endverbraucher. Auch der direkte Handel mit Konsumgütern bleibt aus.

Die digitale Abhängigkeit von Amerika

Wenn heute von der europäischen Abhängigkeit von Amerika gesprochen wird, beziehen sich die Überlegungen meist auf den militärischen Schutz, den wir durch die NATO und damit vor allem durch Amerika erhalten. Diese Konstellation war für viele Jahrzehnte unsere sogenannte „Lebensversicherung“. Dass die amerikanische Regierung Europa gegenüber mittlerweile eine kritische Haltung einnimmt und zunehmend „außerhalb“ der NATO denkt, versetzt uns in die Notwendigkeit, schnellstmöglich für unsere eigene Sicherheit zu sorgen.

Ein weiterer Aspekt der Abhängigkeit von Amerika wird aber meist übersehen. Wir in Europa haben unsere digitalen Arbeitsplattformen auf der Basis amerikanischer Produkte ausgebaut. Ohne Microsoft geht bei uns nichts! Schlimmer noch! Alle unsere Daten, aber nicht nur die privaten, sondern auch die wirtschaftlichen, sind in amerikanischen Datenspeichern, also Clouds, abgelegt. Amerikanische Digitalunternehmen wären also in der Lage, uns komplett von unseren Daten abzukoppeln. Kein europäisches Unternehmen könnte mehr auf seine Daten zugreifen. Das wäre der totale Zusammenbruch der Wirtschaft in Produktion und Administration. Zwar wäre das nicht im ökonomischen Interesse amerikanischer Digitalunternehmen, aber es wäre politisch möglich. Das ist keine gute Grundlage für den Versuch, dem großen „Partner“ im Westen auf Augenhöhe zu begegnen. Solange wir nicht wissen, wohin die politische Reise der USA geht, stellt sich daher ein ungutes Gefühl ein. Das beschränkt uns zusätzlich in unserer Eigenständigkeit. Wir müssen also dringend unabhängig werden, militärisch wie digital, um ernst genommen zu werden und ebenfalls am Tisch Platz zu nehmen, statt auf der Menükarte erwähnt zu werden.